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PLAY & CREATE

23.05.2019

«Endgültig zum ‹Zeitfischer› wurde ich, als ich Eisenuhren aus dem Mittelalter sah und mich entschied, selbst mit dem Uhrenbau zu beginnen. Das Uhrenvirus hatte mich komplett infiziert. »

Des Zeitfischers gesunden Uhrenvirus

Mit Clockwork 2.00 hat der 58-jährige Mechaniker Martin Fischer seine zweite Wanduhr konstruiert – ein hochpräzises, filigranes Designstück, das Zeit auf poetische Weise erlebbar macht. Martins Metallwerkstatt befindet sich in Zürich-Altstetten und ist Ort, in dem Dreh- und Fräsmaschinen an den Rändern des Raums thronen, eiserne Werkbänke auf Arbeit warten und ein Dutzend Uhren alle paar Minuten ein synchronisiertes, lautes Klack von sich geben, weil Mutteruhr ein Schaltimpuls an sie schickt. Martin erzählt uns, wie man vom Wanduhrenvirus infiziert wird.

Was ist Clockwork 2.00? In ein, zwei Sätzen…
Eine auf das wesentliche reduzierte Wanduhr mit hohem Anspruch an Genauigkeit und Ästhetik.

Bist du gelernter Uhrmacher? Oder wie kamst du zu Uhren?
Ich bin kein Uhrmacher, ich bin Mechaniker. Und habe mich in den letzten Jahren zunehmend von der Arbeit mit schwerem Metall abgewendet, dafür zunehmend der Feinmechanik zugewandt. Mich interessiert der Erfindergeist. Ich möchte das Verstreichen der Zeit sichtbar machen. Dazu kann ich zum Beispiel einfach ein Freilaufinnenteil aus einem bereitstehenden Kistchen nehmen und das daumennagelgrosse Stück mit Leinöl einreiben. Das Öl versiegelt das Metall und gibt ihm eine schöne Oberfläche. In anderen Kistchen lagern kleine, glänzende Zahnräder, Rutschkupplungen, Halter für Minuten- und Stundenzeiger, schwarze Zeigerstäbe. Daneben liegen handtellergrosse, filigrane Zahnräder aus Hartmessing. Wanduhren zu bauen, bedeutet für mich, in neue Dimensionen vorzustossen. Die Faszination entstand mit dem Erwerb einer kleinen, alten Uhrenfabrik im Jura und das Entdecken der dortigen Uhrenmuseen. Die kleine Fabrik dient mir heute noch als Rückzugsort und für die Entwurfs- und Konzeptarbeit. Ich nutze sie aber nicht für die Produktion. Endgültig zum «Zeitfischer» wurde ich, als ich Eisenuhren aus dem Mittelalter sah und mich entschied, selbst mit dem Uhrenbau zu beginnen. Das Uhrenvirus hatte mich komplett infiziert. Mittels Recherchen und Büchern eignete ich mir das nötige Wissen an und holte Rat von gestandenen Grössen der Uhrenmechanik: Wie vom Uhrenrestaurateur Kurt Berger oder von Roland Wyss vom Zeitzentrum Grenchen oder von Miki Eleta, der für die Entwicklung kunstvoller Grossuhren berühmt ist.

Das Clockwork 2.0 Faltplakat

Wie kamst du auf die Idee von Clockwork 2.00?
Im Zentrum der Idee stand das schnörkellose Design, die kompromisslose Schlichtheit. Ich entwickelte etwa drei Jahre daran. Kurz nach den ersten Skizzen begann ich in der Werkstatt mit Materialien zu experimentieren und entwarf die Uhr parallel im CAD-Programm. Das Zifferblatt wird mittels einer Folie direkt auf die Wand appliziert. Davor hängt schwebend leicht die Tragstruktur mit offen einsehbarem Uhrwerk. So werden Uhr und Architektur eins und Zeit erlebbar. Ihr Verstreichen wird dann auf poetische Weise sichtbar. Auf den Minutenzeiger schauen, der mit dem Sekundentakt in feinen Schritten vorrückt und wer ganz genau hinschaut, kann sogar dem Stundenzeiger in kleinsten Schritten folgen. Die Clockwork 2.00 besteht aus 91 Teilen und jedes Element trägt seinen eigenen Namen und ist mein Bekenntnis zum Uhrenmachen. Sie ist die zweite Wanduhr, die ich von Grund auf selbst entworfen habe. Die Zahl 2.00 bezieht sich aber weder auf die Anzahl konstruierter Uhren noch aufs Internetzeitalter, sondern das Pendel braucht für eine Vollschwingung exakt 2.00 Sekunden. Die Länge des Pendels hat Einfluss aufs gesamte Uhrwerk, sprich, welche Übersetzungen die Zahnräder haben und wie sie ineinandergreifen müssen. Genauigkeit im Bereich von Hundertstelmillimetern entscheidet über das Funktionieren. Für die Herstellung einiger Teile musste ich zuerst eigenes Werkzeug entwickeln, weil mein Maschinenpark an seine Grenzen kam. Das offen einsehbares Uhrwerk ermöglicht es, die Abläufe nachzuvollziehen und zeigt auf die hin und her schaltende Grahamhemmung. Diese wandelt die Kraft des Aufzugsgewichts in den Sekundenschritt der Zeit um. Und ohne Gehäuse als Resonanzkörper tickt die Clockwork 2.00 fast geräuschlos.
Genauigkeit im Bereich von Hundertstelmillimetern

Was steckt hinter der Idee – deine Absichten?
Ein Mechaniker wie ich ist überzeugt, dass es für Wanduhren einen Markt gibt, obwohl Uhrenhändler derzeit nicht viel Interesse an den grossen Stücken zeigen. Wanduhren werden mit Grosseltern und vergangenen Zeiten in Verbindung gebracht, aber ich spüre die Sehnsucht der Menschen nach Handgemachtem und Sinnlichem. Die Schönheit der analogen Mechanik soll unser Leben im digital bestimmten Alltag versüssen.

Wie sah der erste Schritt zur Verwirklichung der Idee aus?
Mit Freude am mechanischen Experimentieren und als ewiger Tüftler bin ich schon seit 2007 inklusive Nullserie am Clockwork-Thema dran. Eine Nullserie hilft, mögliche Konstruktionsfehler festzustellen, bevor die Uhr in die definitive Produktion geht. Metall ist unnachgiebig, der geringste Fehler führt zu einem unbrauchbaren Ergebnis. 

Wer gehört heute zum Kernteam?
Das bin ich und meine geliebte Frau.

Welche Tools, Arbeitsweise nimmt dir die meiste Arbeit ab?
Nach ersten Handskizzen erfolgt die Konstruktions- und Entwurfsarbeit im CAD, dann setze ich in meiner schönen, schönen Werkstatt um. Das Konstruieren im CAD hilft einem Handwerker sehr. Gute Planung ist alles. Als grosse Hilfe erweist sich auch die uuuuuralte CNC-Fräsmaschine, die ich der ETA-Uhrenfabrik abgekauft habe.

Wie kommst du auf neue Ideen, gibts da ein Ritual oder geschieht das von selbst?
Die meisten Ideen kommen mir unterwegs oder liegend.

Von der Idee zum Sitzen des filigranen Meisters der analogen Mechanik

Was sind deine nächsten Traumprojekte?
Mein nächstes Uhrenprojekt: Ich wurde vom Kurszentrum Ballenberg für einen Uhrmacherkurs angefragt. In diesem Zusammenhang entwickle ich zurzeit einen Bausatz für eine schöne, einfache Wanduhr. Diese soll dann in einem einwöchigen Kurs von den Teilnehmenden gebaut werden können.

Hast du nebenbei noch andere Jobs?
Oh ja: a-faire.ch

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Colin ist auch Pflanzenenthusiast, eidg. dipl. Obergärtner, Naturgartenspezialist, dipl. Fachmann in Pflanzenverwendung und Ästhet. Vereint liefern die beiden jeden Monat Bio-Saatgut an neuzeitliche Stadt-Balkoniere und -Terrasseure. Scarlett erklärt uns wies funktioniert…


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