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COOK & SHARE

10.02.2018

Text: Jocelyne Iten
Fotos: Sera Ndlovu, Tara Welschischer, Jocelyne Iten

«ICH BIN IM ZEITALTER DES KONSUMS GROSS GEWORDEN. ICH BESASS MEHR ALS 100 PAAR SCHUHE.»

Ein modernes Leben führen, ohne Müll zu hinterlassen?

Keinen Abfall zu produzieren scheint in der heutigen Konsumwelt unmöglich. Der Zero-Waste-Laden «Foifi» in Zürich hält dagegen und verkauft nur Produkte ohne Verpackung. Ist ein Leben mit weniger Abfall also doch möglich?

11.50 Uhr vor dem Coop an der Hardbrücke in Zürich: Eine Gruppe von etwa Zwanzigjährigen betritt die Filiale, sie greifen in der Brot-Abteilung nach Gipfeli, stecken diese in einen der zur Verfügung stehenden Plasticsäcke und gehen damit zur Kasse. Beim Verlassen nehmen sie das Gipfeli aus dem Plasticsack raus und werfen diesen in den nächstliegenden Abfalleimer. Eine alltägliche Szenerie – und ein Teil unseres modernen Abfallproblems. Tara Welschinger, Gründerin des Zero-Waste-Ladens «Foifi» in Zürich sagt dazu nur: «Das Problem ist, dass hier unnötiger Abfall produziert wird. Der Plasticsack wird kaum benutzt weggeworfen.»

Schweiz ist Abfallsünder

Abfall, dessen Produktion und Entsorgung ist ein globales Thema. Hierzulande hat sich der Abfall pro Kopf aus Haushalten seit 1970 von 309 Kilogramm pro Jahr auf über 724 Kilo mehr als verdoppelt. Der Durchschnittsschweizer gehört damit zu den grössten Abfallproduzenten weltweit (laut Umweltprüfbericht der OECD, der 2017 für die Schweiz erstellt wurde).

Zwar ist die Schweiz auch Vorreiterin in Sachen Recycling, dennoch gibt es noch viel zu tun. Ein Problem sei etwa, dass jene Leute, die möglichst ohne Verpackung leben wollen, von einem Ort zum anderen rennen müssen. Ein logistisches Defizit, welchem Tara Welschinger mit ihrem vor gut einem Jahr gegründeten Zero-Waste-Laden «Foifi» im Kreis 5 entgegenwirken möchte.

Im Zero-Waste-Laden «Foifi» gibt es ausschliesslich unverpackte Lebensmittel und Alltags-Produkte zu kaufen. (Bild: Sera Ndlovu).

Der Laden, der in unmittelbarer Nähe zum Schiffbau liegt, verkauft rund 400 unverpackte Produkte, davon etwa 120 Non-Food-Artikel, wie Kosmetik, Menstruationstassen oder Hartseife. Seit der Eröffnung wird er rege frequentiert. «Viele Leute kommen bewusst vorbei, andere wollen wissen, welche Idee dahinter steckt und wie es genau funktioniert», so die 42-Jährige. Im «Foifi», das auch ein Café ist, gibt es mehrere sogenannte ‹Bulk-Stationen›, grosse Rohre mit Nüssen, Pasta oder Mehl, die etwa alle drei Tage nachgefüllt werden. Jeder der bei «Foifi» einkaufen will, bringt sein eigenes Tupperware oder Weckglas mit und füllt dieses dann mit der gewünschten Menge.

Die Gründungsmitglieder (v.l.n.r.) Karin Schwarz, Christof Studer, Tara Welschinger und Simon Willisegger am Tag vor der Eröffnung von «Foifi». (Bild: Tara Welschinger)

Ein interessantes Konzept, das man sonst nur vom Markt oder dem Einkaufen ab Hof kennt, findet sich bei den frischen Produkten: «Als ich ‹Foifi› eröffnete, hatte ich schlichtweg keine Ahnung, wie teuer ich die Bio-Produkte verkaufen sollte. Also stellte ich eine Kasse auf und fragte: Wie viel ist dir Bio wert?», so die Zürcherin, die damit eine Diskussion anregen will. Tara Welschinger sagt, sie habe sich zwar in der Vergangenheit mit dem Thema Ernährung beschäftigt, aber nicht damit, was mit dem entstehenden Abfall passiert: «Ich bin im Zeitalter des Konsums gross geworden. Ich besass mehr als hundert Paar Schuhe, reiste viel und gönnte mir einiges», so das ehemalige Kadermitglied einer Kommunikationsagentur.

Für den Einkauf im «Foifi» bringt man seine eigenen Stoffbeutel, Tücher und Einmachgläser mit. (Bild: Tara Welschinger)

Einen ganzheitlichen Sinneswandel hatte sie, als sie vor gut drei Jahren nach Südostasien reiste und von dort nicht nur die Bilder von atemberaubenden Landschaften, sondern auch von grossen Abfallbergen mit nach Hause nahm: «Wenn wir in der Schweiz nicht so eine gute Infrastruktur hätten, sähe es hier wohl ähnlich aus», betont die 42-Jährige. Zurück in der Schweiz versuchte sie sich an einer Challenge: Sie besuchte die Migros und den Coop und schaute, was sie dort alles ohne Verpackung kaufen kann. Ihr Fazit war ernüchternd: Nämlich praktisch nichts.

Angefressen vom Thema stiess Welschinger auf die von Bea Johnson gegründete Zero-Waste-Bewegung, deren Ziel es ist, die Bevölkerung zur nachhaltigen Abfallreduktion mittels der 5-R-Methode zu sensibilisieren. Die Umsetzung kam sofort. Sie begann auszumisten und überlegte sich, für welche Sachen sie eine Alternative finden könne. Nun benutzt sie anstatt Frischhaltefolie Bienenwachstücher und das Küchenpapier hat sie durch einen simplen Lappen ersetzt. Zero-Waste sei laut Welschinger eine kreative Bewegung: «Es gibt Leute, die stellen sogar ihre Kosmetika selbst her. Ich bin kein Do-it-yourself-Typ. Dennoch lebe ich lösungsorientiert. Zero-Waste bedeutet nicht, aufhören zu konsumieren. Es geht um die Frage: Was brauche ich wirklich und wie finde ich Alternativen?», sagt die Zürcherin, die ihre Schuhsammlung von 120 auf 10 reduziert hat und kein Velo und keine Bücher besitzt. Als Verzicht sieht sie ihren Lebensstil aber nicht: «Wenn ich ein Velo brauche, miete ich es und dank meiner Bibliotheks-Karte, habe ich Zugang zu mehreren tausend Büchern. Besitzen muss ich sie deswegen nicht.»

Die Produkte im «Foifi» sind von Bio-oder Demeter-Qualität und liebevoll in Einmachgläsern abgefüllt. (Bild: Jocelyne Iten)

Das Schöne an der Zero-Waste-Bewegung sei, dass sich der Erfolg sehr schnell einstelle und es keine radikale Lebensweise sein muss. «Jeder findet Abfall schlecht», so die Zürcherin. Bewusst und ohne viel Abfall zu leben sei ein Prozess, der im Kleinen beginne. «Man muss nicht gleich von null auf hundert. Man kann beispielsweise damit beginnen, beim Einkaufen den Papiersack mehrmalig zu verwenden oder den Kaffee beim Take-Away in den mitgebrachten Becher füllen zu lassen», sagt Welschinger.

Auf die Frage, ob sie sich erhoffe, dass die Schweiz bald nicht mehr zu den grössten Abfallproduzenten gehöre, antwortet sie: «Klar, das wäre das Ziel. Je mehr Leute merken, dass Abfall uns und der Umwelt schadet, desto eher erreichen wir dieses Ziel. Leider sind wir immer noch eine Nische in der Nische». Dennoch hoffe sie, dass das Thema Zero-Waste bald im Mainstream ankomme. Dazu müssten aber auch die Big-Player wie Coop und Migros mitziehen – so wie es etwa Wholefoods in Amerika schon längst macht. «Ich komme aus der Kommunikation. Mir ist bewusst, dass Verpackung auch immer Branding und Marketing ist, aber wenn etwa die Migros am Limmatplatz eine ‹Bulk-Station› einrichten würde, wäre ich schon erfreut», so die 42-Jährige, die mit «Foifi» beweist, dass ohne Abfall zu leben tatsächlich möglich ist.

Dieser Artikel erschien am 8.2.2018 auf NZZ Bellevue. Text: Jocelyne Iten

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