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MEET & GREET

12.02.2018

Text: Inge Ahrens
Fotos: Rita Palanikumar

Erbe einer Avantgardistin

Vor 75 Jahren nahm Margrit Linck in ihrer Keramik-Manufaktur die Arbeit auf. Ein Besuch in Worblaufen.

Als Kunsthandwerkerin war Margrit Linck (1897–1983) eine Exzentrikerin. Die Gestalt der von ihr entworfenen Gefässe ist so gar nicht gefällig. Sie scheinen eher kapriziös, manche wie absichtlich falsch montiert, nie minimalistisch, aber stets skulptural. Linck verpasste manchen Vasen derart enge Öffnungen, als solle sich die darein versenkte Pflanze dem Entwurf unterordnen. Grosse Schalen fügte sie zu Etageren. Kerzenleuchter erinnern an die Stämme junger Bäume; Formen wie Architektur, die auch in Bronze vorstellbar sind. Dabei ist Margrit Linck die grosse Unbekannte unter den Schweizer Keramikerinnen.


Annet Berger führt heute das Atelier von Linck Keramik, das Margrit Linck, die Schwiegermutter von Bergers Tante, 1942 gründete.


In Worblaufen an der Aare sitzt eine Handvoll Töpferinnen und Töpfer in einem stillgelegten Hammerwerk über ihre Scheiben gebeugt und dreht von Hand Schweizer Ton. Je nach Objekt wird eine Menge Ton als Batzen auf die Scheibe gedrückt und mit Kraft und Feingefühl zentriert, gepresst und aufgebrochen, damit ein hohles Inneres entsteht, dessen Äusseres zugleich hochgezogen und geformt wird. Hier entsteht unvergängliche Keramik, und die Handarbeit ist durch nichts zu ersetzen. Was Margrit Linck einst erdachte, scheint noch heute seiner Zeit voraus – aus Worblaufen kommen Kunststücke für den täglichen Gebrauch.



«Margrit Linck war die Schwiegermutter meiner Tante», erzählt Annet Berger, 42, die seit 2011 die Manufaktur Linck Keramik führt. An die Namensgeberin hat sie gute Erinnerungen. Als Kind habe diese oft ihre Hände genommen und gesagt: «Schau sie an! Sie sind etwas Besonderes. Mach etwas mit ihnen!» Als Margrit Linck starb, habe es keine direkten Erben gegeben, und eine Tante übernahm die Manufaktur. Dann stieg Annet Berger ein. Die mehr als 200 bewahrten Entwürfe ihrer Vorverwandten sind Annets grosser Schatz. 50 bis 80 der Formen werden zurzeit an der Töpferscheibe gedreht. Sie kommen hochglasiert in Schwarz und Weiss daher oder bleiben matt. «Neu und von mir sind die Farben Crème, Eisblau, Moosgrün und Karbon», so Berger.



Obwohl Margrit Linck als Töpferin ausgebildet war, verstand sie sich als Künstlerin. Mit ihrem Mann Walter, einem Eisenplastiker, zog sie vorübergehend nach Berlin und nach Paris, lernte Picasso und Braque kennen. «Die Plastik ruht im Leeren. Man höhlt den Raum aus, um das Objekt zu konstruieren, und das Objekt schafft seinerseits einen Raum» – die Aussage ihres Freundes Alberto Giacometti klingt wie die Definition ihrer Arbeiten, die überwiegend in den dreissiger und vierziger Jahren entstanden sind. Bis in die Achtziger hinein gelangen ihr Hunderte von kunstvollen Entwürfen, die zusehends abstrakter gerieten. Das angesagte Dekorative war nicht ihre Sache. Margrit Linck war eine Avantgardistin.

Annet Berger ist ihr da durchaus ähnlich. Die von ihr eingebrachten puderfeinen Farben sehen so aus, als seien sie schon immer Teil von Margrit Lincks Entwürfen gewesen. Sie haben Schmelz und mischen die weissen und schwarzen Veteranen charmant auf. Ausserdem nimmt Annet Berger hin und wieder die Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern und Gestaltern wie Kris Ruhs oder Roksana Illinic auf.

Anlässlich des 75-jährigen Bestehen der Manufaktur hat Annet Berger zwei Entwürfe von Margrit aus den 1950er Jahren in einer kleinen Edition neu aufgelegt. Nicht so zackig, perfekt und präsent wie die anderen Objekte, sondern eher körperlich, organisch und weich, fast morbide. Zum Berühren schön. Zwei gedrungene Vasen in fahlem Mattweiss. Zwei Plastiken, hochaktuell.


Dieser Artikel erschien am 3.12.2017 in der NZZ am Sonntag. Text: Inge Ahrens

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