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LIVE & WEAR

09.02.2018

Text: David Streiff Corti
Fotos: Elisabeth Leal
Vorschaubild, Titelbild: Velt

Handwerk für den Fuss

So richtig passt es nicht nach Othmarsingen, das Label Velt von Patrick Rüegg und Stefan Rechsteiner. Zumindest lässt zwischen Volg, Landgasthof und Einfamilienhäusern nichts darauf schliessen, dass in der kleinen Aargauer Gemeinde der klassische Herrenschuh dekonstruiert und zukunftstauglich gemacht wird. Ausser den beiden Designern ist hier niemand zu entdecken, der sich gross um Mode schert. Doch mitten in ihrer Heimat fanden die beiden die Handwerkskunst und Erfahrung, die es braucht, um ihre eigenständigen und innovativen Entwürfe in konkrete Produkte umzusetzen – in Schuhe, die etwa einen Sneaker mit einer Bottine kreuzen.

Die Designer Stefan Rechsteiner und Patrick Rüegg (rechts) in der Manufaktur von Antonio Zullo.


Anleitungen für die Produktion der neuen Kollektion von Velt.


«Wir wollen nicht einfach zum 500. Mal einen Budapester interpretieren», sagt Rechsteiner. «Aber wir machen auch keine Turnschuhe», fügt Rüegg hinzu. Vielmehr suchen die beiden Zürcher mit ihrem Label Velt eine Antwort auf die Frage, wie ein zeitgemässer, eleganter Herrenschuh heute aussehen soll. Ein Herrenschuh, der auch von einer Generation notorischer Turnschuhträger nicht verschmäht wird – einer also, der «nicht aussieht, als stamme er aus dem 19. Jahrhundert», wie Rechsteiner betont, und der zudem alltagstauglich ist. Als Forschungsfeld dient ihnen Berlin, wo sie nach dem gemeinsamen Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Aarau unabhängig voneinander gelandet sind und heute ein Atelier mit vier Mitarbeitern betreiben. «Berlin ist eine extrem pulsierende Stadt, in der man viele verrückte Leute sieht», sagt Rechsteiner. Der Horizont sei in der deutschen Hauptstadt et was weiter als anderswo, die Menschen seien etwas offener und die modische Experimentierfreude etwas grösser. Ein Ort der Inspiration für die beiden Schweizer Designer. Das Resultat ihrer Recherche sind Schuhe mit auffällig schlichten ledernen Schäften und Sohlen, die je nach Kollektion auch aus Kork oder einem Kunststoff bestehen dürfen, den man sonst eher bei Turnschuhen antrifft. Interessant an dieser Synthese ist die Möglichkeit, Innovationen aus der Sportschuhindustrie einfliessen zu lassen, ohne dabei auf die vielfältigen Vorzüge von Leder verzichten zu müssen. Dies verlangt allerdings eine intensive Auseinandersetzung mit Materialien und einen Produzenten, der sich auf Experimente einlässt.


In einer kleinen Aargauer Gemeinde wird der klassische Herrenschuh dekonstruiert und zukunftstauglich gemacht


Solche Produzenten findet man heute nicht mehr oft – auch in der Schweiz nicht, wo die einst so bedeutende Schuhindustrie in den letzten dreissig Jahren nahezu verschwunden ist und die letzte Schuhfachschule vor gut zehn Jahren ihre Tore schloss. Die Schuhfabriken, die überlebt haben – Kandahar, Künzli oder Graf, um nur einige zu nennen –, setzen auf Nischenprodukte wie Winterschuhe, orthopädische Spezialanfertigungen oder Schlittschuhe. Einstige Branchenriesen wie Bally lassen hingegen im Ausland fabrizierte Schäfte und Sohlen im Tessin zusammensetzen. Auch bei einem Schuh von Velt ist nicht alles «handmade in Switzerland», dennoch war es Rüegg und Rechsteiner wichtig, dass die entscheidenden Produktionsschritte in der Schweiz erfolgen. Einerseits ist die Präzision und Qualität des hiesigen Handwerks immer noch sehr hoch, andererseits wollten die beiden Designer mit jemandem zusammenarbeiten, «der dieselbe Sprache spricht». Diese spricht Antonio Zullo, wenn auch mit einer charmanten italienischen Färbung. Der Schuhtechniker ist sehr offen für die unkonventionellen Ideen von Rüegg und Rechsteiner, ohne dabei den scharfen Blick für Schnitte, die auf dem Papier gut aussehen, sich im dreidimensionalen Raum jedoch kaum verwirklichen lassen, zu verlieren. «Für uns gehen Gestaltung und Herstellung Hand in Hand», sagen die beiden Zürcher, «viele Innovationen kommen direkt aus der Werkstatt und könnten nicht einfach so auf dem Zeichnungsbrett entstehen.» 

Das Leder wird zugeschnitten, zu Schäften vernäht, an die Brandsohle gezwickt und auf die Laufsohle geklebt.


Je weniger Schnörkel, desto wichtiger die Form eines Schuhs – und diese wird durch den Leisten gegeben.


Und so bringen Rüegg und Rechsteiner das, was sie in Berlin ersonnen haben, in Form von Skizzen und Protoypen jeweils erst einmal in Zullos kleine Schuhmanufaktur in Othmarsingen in einer ehemaligen Schreinerei mit Blick auf einen Hühnerstall, die ein paar eigentümliche Apparate und Geräte beherbergt. Zum Beispiel einen Tisch, der per Vakuum das Leder aufzieht, bevor ein computerbetriebener Schneidekopf darüberfährt und die gewünschten Stücke ausschneidet. Vom anderen Ende der technologischen Zeitleiste zeugen hingegen die alten Nähmaschinen, die gut in einem Heimatkundemuseum stehen könnten, jedoch nichts von ihrer Durchschlagskraft eingebüsst zu haben scheinen. Sind die Skizzen erst einmal begutachtet und revidiert, die Position der Nähte geprüft und am Computer die finalen Schnittmuster erstellt – eine Arbeit, die mehrere Monate in Anspruch nehmen kann –, setzen sich Schuhmacher und Maschinen in Bewegung. Es wird zugeschnitten und genäht, gestanzt, geprägt, in Form gebogen und geschliffen, die Brandsohle an den Schaft gezwickt, die Laufsohle geklebt und mit viel Druck an den Schuh gepresst. Über den Onlinehandel und einige auserlesene Geschäfte finden die Schuhe von Velt dann ihren Weg zur Kundschaft nach London, Zürich oder Berlin, wo Patrick Rüegg und Stefan Rechsteiner bereits am nächsten Schuh herumdenken, den man zu Anzug und Trainerhose tragen kann – und der irgendwann vielleicht auch auf den Strassen in Othmarsingen anzutreffen ist.

Dieser Artikel von David Streiff Corti erschien bereits in der NZZ am Sonntag.
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