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LIVE & REST

27.12.2018

«Was uns von den Polsterern vor 100 Jahren unterscheidet sind Nähmaschine und Tacker.»

Ort der Geschichten

Mit Nähnadel, Tacker und einer Extraportion Abenteuerlust im Gepäck kamen Damaris und Simon Tobler mit ihren Söhnen aus Berlin via Freiburg in die Schweiz. Und fanden sich im uralten Haus an der Saienbrücke im Appenzellerischen Urnäsch wieder. In der historischen Umgebung am Saienbach befasst sich der Polsterer Simon Tobler seitdem mit den Geschichten der Möbel seiner Kunden, während im Nebenraum gemalt, Kaffee getrunken und Geschichten des Lebens ausgetauscht werden. Welch ein schöner Ort!

Was ist Saienbrücke in ein, zwei Sätzen?
Die Saienbrücke ist eine Polsterwerkstatt, die sich um Lieblingsmöbel von Menschen kümmert, ein Malort, wo Menschen malen kommen und ein Café, wo sich die unterschiedlichsten Menschen treffen können. Aber vor allem ist die Saienbrücke eine Familie, die das mit Freude, Überzeugung und Leidenschaft betreibt.

Woher kommt der Name?
Das Haus heisst schon seit ca. 1900 so. Der Name kommt von der Brücke über den Saienbach direkt vor dem Haus. Als wir mit unserer Werkstatt von Deutschland in die Schweiz, in dieses Haus umzogen, war für uns klar: Wir übernehmen den Namen des Hauses und setzen mit unserem Unternehmen die lange Geschichte des Hauses fort. Es beheimatete bereits schon ein Restaurant, eine Milchsammelstelle, ein Lebensmittelladen, eine Tankstelle, ein Vereinslokal, ein Trödelladen mit Pizzeria und nun ist es Polsterei, Café und Malort.

Wer hatte die Idee zum Unternehmen? Wie ist er/sie darauf gekommen?
Die Idee stammt aus unserer Zeit in Deutschland. Ein italienischer Restaurator, bei dem ich eine Zusatzlehre als Restaurator machen wollte, verkündete mir, anstatt mich in die Lehre zu nehmen, dass er mir eine Nachfolge organisiert hat. Eine kleine, gut laufende Polsterwerkstatt bei einem kroatischen Polsterer in Freiburg im Breisgau. So standen wir plötzlich vor einem Umzug von Berlin nach Freiburg und einer Übernahme, einem eigenen Geschäft. Die Übernahme ist schliesslich geplatzt - doch die Idee der eigenen Werkstatt blieb.

Café und Polsterei liegen direkt nebeneinander.

Wie sah der erste Schritt zur Verwirklichung der Idee aus?
Nach der geplatzten Übernahme – Polsterer sterben lieber mit Faden und Nadel in der Hand als das Geschäft zu übergeben – wollten wir unsere angeworbenen Kunden bedienen. Also stapelten wir Material und Werkzeuge in unserer Wohnung, gründeten unsere erste Firma und mieteten eine umgebaute Garage. Das war der Anfang. Nach 4 Jahren Selbständigkeit in Deutschland schlossen wir unsere kleine, gut laufende Werkstatt und zogen in die Schweiz in die Saienbrücke. Und es ging von Neuem los.

Wer gehört heute zum Kernteam?
Meine Frau Damaris, unsere zwei Jungs und ich.

Ihr habt auch ein Café? Wieso?
In meiner kleinen Werkstatt arbeite ich meistens alleine, das Café gibt mir den nötigen Ausgleich. Menschen sind gerne dort, wo gearbeitet wird. Daher gelangt man bei uns auch durch die Werkstatt ins Café. Wir lieben es, wenn sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit verschiedenen Interessen begegnen. Wir dürfen dabei mittendrin sein, bedienen, vernetzen, bereichern und selbst bereichert werden – das ist unser Café. Damaris bedient das Malatelier und ich die Werkstatt, im Café treffen wir uns.

Das Café ist wichtiger Bestandteil der Saienbrücke.

Wer sind eure Kunden und mit welchen Aufträgen kommen sie zu euch?
Unsere Kunden sind Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten, denen ein Möbelstück besonders wertvoll ist. Oft suchen Kunden auch besondere Stoffe. Alles wird bei uns von Hand und mit alten Naturmaterialen gepolstert – wie früher. Was uns von den Polsterern vor 100 Jahren unterscheidet sind Nähmaschine und Tacker.

Wie läuft ein Gestaltungsprozess bei euch ab?
Der Kunde meldet sich bei mir, kommt in die Werkstatt oder mal ganz vorsichtig ins Café, um mich kennenzulernen. Dann geht das Gespräch über das Möbelstück los, meistens auch über die Geschichte des Möbels und dessen Zustand. Dann folgt die Stoffauswahl. Wir treffen uns zu einem Termin beim Kunden vor Ort, wo wir Stoffe anschauen und den Zustand des Möbels begutachten. Danach kommt die Offerte und hoffentlich auch der Auftrag.

Wieso braucht die Welt eine Polsterei?
Unsere Polsterei ist ein Schritt gegen die Wegwerfgesellschaft, sie nutzt Naturmaterialien, sie erhält und schützt die Geschichte und die Erinnerungen. Wir gehen sorgsam mit dem um, was den vorigen Generationen wertvoll war und wofür mal viel Geld investiert wurde. Diese Nachhaltigkeit und Sorgfalt ist eine sehr kostbare Haltung in unserer Welt.

Simon Tobler in seinem Element.

Wie hat sich euer Beruf im Vergleich zu früher verändert und wie wird er sich noch verändern?
Die antike Polsterei, wie wir sie betreiben, hat sich nicht stark verändert und doch lernt man bei jedem Möbelstück noch dazu – sei dies bezüglich Materialeinsatz oder Technik. Man lernt nie aus. Das Berufsbild hat sich jedoch verändert. Der Polsterer, der sich den einzelnen Möbelstücken annimmt, gibt es als Ausbildung so nicht mehr. Die Polsterei ist nun Bestandteil des Berufs des Innendekorateurs geworden. Hingegen das Interesse der Menschen an der Wiederaufrüstung ihrer alten Möbel nimmt zu, auch das Interesse an der Ausübung des Berufsbildes «des alten Polsterers», wie ich es nenne.

Habt Ihr einen Traumauftrag?
Jedes vom Kunden geliebte Stück, ob antik, retro oder modern, ist für uns ein Traumauftrag. Dieser Wert, welcher der Kunde dem Möbelstück verleiht, bringt meiner Arbeit neben der handwerklichen Umsetzung auch eine künstlerische Gestaltung mit. Diese Kombination macht dieses stille Gewerbe zu einem Traum.

Was nimmt euch die meiste Arbeit ab?
Eine gute Terminierung und manchmal eine Hand, die mir beim Abbrechen der Polsterung hilft.

Jedes Möbelstück hat seine eigene Geschichte.

Wie kommt ihr auf neue Ideen? Gibts da ein Ritual oder geschieht das von selbst?
Es geschieht während dem Arbeiten, oder abends wenn ich noch einmal durch die Werkstatt streife und mir die Möbel des Kunden anschaue oder in Ruhe anfange an einem Möbel zu arbeiten.

Wie sieht euer Arbeitsplatz aus?
Eine kleine Werkstatt im ehemaligen Lebensmittelladen der Saienbrücke. Der Polsterer, der so wie wir arbeitet, braucht nicht viel: zwei Polsterböcke, um die Möbel darauf zu stellen, Handwerkzeug, eine gute Nähmaschine und einen Tacker.

Was sind eure nächsten Projekte/Ideen für neue Produkte?
Wir produzieren nicht, stellen keine Produkte her, sondern arbeiten am Möbelstück des Kunden. Ich beobachte ein Tendenz, dass Menschen auch von weit her kommen, weil sie unsere Werte, unsere Arbeitsweise und auch unsere Stoffe schätzen und ein Lieblingsmöbel haben.

Welche 3 Dinge empfiehlt ihr Freunden, die sie bei euch in der Region tun/essen/erleben/kaufen sollen?
Einen guten Kaffee und ein Schwätzchen bei uns in der Saienbrücke zu Beginn, dann ein Besuch beim alten Brauchtum hier vor Ort, entweder im Urnäscher Museum oder live. Und natürlich ein paar schöne, noch eher unentdeckte Flecken im Appenzellerland erwandern.

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