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PLAY & CREATE

17.02.2018

Text: Jocelyne Iten
Fotos: Naomi Baldauf

«QUALITÄTS-HANDWERK IST IMMER AUCH EIN KULTURGUT.»

Postkarten für die Ewigkeit

Das Zürcher Papeterie-Label «Le pigeon voyageur» kreiert Artikel mit individuellem Charakter und will damit die verschwindende Analog-Handwerks- und Kommunikationskultur am Leben erhalten.

Das Zürcher Papeterie-Label «Le pigeon voyageur» stellt liebe- und humorvolle Karten her. (Bild und Design: Naomi Baldauf)

Überlegen Sie, wann Sie das letzte Mal eine schöne, handgeschriebene Postkarte oder einen Brief an jemanden verschickt haben – oder gar selbst erhalten haben. Bei einigen dürfte dies lange her sein. Denn über Instant-Nachrichtenkanäle wie Whatsapp, Social Media und E-mail kommuniziert es sich eben schneller und praktischer. Dennoch: Über Post, die nicht nur aus Rechnung und Werbung besteht, sondern von Herzen – und auf schönem Briefpapier oder in Form einer originellen Karte – kommt, freuen wir uns doch viel mehr. Aus diesem Grund haben Naomi Baldauf und Rita Nicolussi 2010 das Papeterie-Label «Le pigeon voyageur» (die Brieftaube) gegründet, das eine stetig wachsende Kollektion und Kundenwünsche auf Mass anbietet.

Dieses Produkt soll bei Entscheidungsfragen helfen. (Bild: Naomi Baldauf)

«Wir wollten etwas kreieren, das auch wir gerne in unserem Briefkasten vorfinden und von speziellem Charakter ist», sagt die Grafikerin und Illustratorin Naomi Baldauf. Dies aber nicht etwa, weil die beiden Frauen das Digitale verachten würden, sondern weil sie mithilfe ihrer Produkte die zunehmend verschwindende Handwerks- und Kommunikationskultur am Leben erhalten möchten. Und weil sie Leuten, die unschöne Produkte aus Mangel an Optionen kaufen würden, eine Alternative bieten wollten.

In ihrem lichtdurchfluteten Atelier im Zürcher Werdhölzli tüftelt Naomi Baldauf an neuen Designs. (Bild: Naomi Baldauf)

Die Aufgaben des Duos sind klar verteilt: Die 40-jährige Baldauf pinselt und malt in ihrem Atelier im Werdhölzli in Zürich mit Neocolor, Wasserfarbe oder Bleistift an neuen Designs, während die 58-jährige Nicolussi in Oerlikon die Produkte auf hochwertiges Papier druckt und das physische Lager des Labels verwaltet. Hat Baldauf eine neue Idee, wird diese umgehend mit Nicolussi besprochen, die dann schaut, ob dies überhaupt technisch machbar ist.

«Le pigeon voyageur» druckt auch Dessins von ausgewählten Künstlern. Dieses hier stammt von Natalie Lété. (Bild: Naomi Baldauf)

Inspiration für neue Ideen finden die Zürcherinnen etwa auf Entdeckungstouren durch das Brockenhaus, in Kinofilmen, im Museum oder durch ihre Mitmenschen. Sehr oft entspringe eine Idee aber auch einem persönlichen Bedürfnis – wie etwa ihre neu lancierte Pro/Contra-Liste für schwierige Entscheidungsfragen.

Qualitätshandwerk mit Bestand

Die rund 500 Produkte, die hauptsächlich in der Schweiz, aber auch in europäischen Nachbarländern und gar in Japan und der USA verkauft werden, sind unterschiedlich im Design, aber mit identitätsstiftendem Charakter. «Wenn wir unsere Marke auf ein Wort reduzieren müssten, dann wäre das ‹Paris›», sagt die Zürcherin. Denn Paris sei ein Begriff, mit dem jeder etwas assoziieren könne: Mode, Architektur, Kunst, Musik – ein einzigartiges Lebensgefühl.

Links: Rita Nicolussi. (Bild: PD)

Sie denkt dabei etwa an die Ästhetik der 1930er bis 1950er Jahre und die Bedeutung des Qualitätshandwerks. Etwas, das die beiden Frauen mit ihren nostalgisch-verspielten Papeterieartikeln auch weitertragen wollen. «Qualitätshandwerk ist immer auch ein Kulturgut», so die Grafikerin, die hofft, dass alte Handwerksberufe – wie auch der Druckerei-Job, den Nicolussi ausführt – noch lange erhalten bleiben.
«Klar denken einige Leute ‹Für ein Couvert zahle ich doch nicht so viel›. Doch wir produzieren in der Schweiz, verwenden hochwertige Materialien und bieten individuelles Design, fernab von 08/15-Waren – und dies ohne externe Unterstützung. Das hat seinen Preis», sagt Baldauf. Vielleicht würde eine teurere Karte aber auch dazu anspornen, ein paar nette Worte von Hand und etwas mehr als einen 08/15-Gruss wie «Alles Liebe zum Geburtstag» niederzuschreiben. Und die Hoffnung hegen, dass der Empfänger diese dann auch behält.

Links: Naomi Baldauf von «Le Pigeon Voyageur». (Bild: PD)

Aufbewahren – das liegt in der Natur von Naomi Baldauf. Sie ist eine notorische Sammlerin und Entdeckerin. Zurzeit bereitet sie gerade den Nachlass ihres Grossvaters auf. Bei dieser Arbeit merkt sie, wie wichtig handschriftliche Überbleibsel – wenn es diese denn in Zukunft noch geben wird – sind: «Ich habe meinen Grossvater nicht gekannt. Durch seine Briefe, sein Notizbuch oder durch Einladungen, die er erhalten hat, kann ich aber erahnen, wie er gewesen ist. Ich finde die Vorstellung bedrückend, dass von unserer Generation einmal nichts als Daten übrig sein werden.» Jeder, der aber mal ein Produkt von «Le pigeon voyageur» gekauft oder erhalten hat, weiss, dass es schwerfallen würde, dieses zum Altpapier zu werfen.

Dieser Artikel erschien am 12.2.2018 auf NZZ Bellevue. Text: Jocelyne Iten
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