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LIVE & WEAR

04.04.2018

«FASSEN SIE ES AN, DANN WERDEN SIE ES FÜHLEN»

Nachhaltige Heimtextilien

Mit Storyfabrics betreibt Martina Unternaehrer ihr eigenes Heimtextilien-Label, das sich auf besondere Weise einer nachhaltigen Herstellung verschrieben hat: Während die verwendeten Materialen aus nachhaltigem Anbau stammen, finden Produktion und Logistik ausschliesslich bei Unternehmen statt, die ihre Mitarbeiter fair behandeln, gut bezahlen und auch die Belange der Umwelt nicht ausser acht lassen. Wichtig ist bei Storyfabrics aber auch die Qualität der eigenen Produkte. Und die ist so gut, dass Martina Unternaehrer sie getrost für sich selbst sprechen lassen kann.

Wie bist Du dazu gekommen, Bettwäsche zu machen? Und was macht dir am meisten Spass dabei?
Ich dachte in völliger Naivität, Bettwäsche wäre ein einfaches Produkt. Viereckig, praktisch, das krieg’ ich hin. Es ist dann aber etwas ganz anderes, eine nachhaltige, internationale Wertschöpfungskette aufzubauen. Eine kleine Geschichte zeigt dies ganz besonders schön: Krishna Tiwari, der Produktionsleiter in Kalkutta, ruft mich strahlend per Facetime an und lässt mich an einer Zeremonie teilhaben, an der gerade die Nähmaschinen gesegnet werden. Farben, Tänze, Musik – alles mitten in der Näherei. Kann man da wirklich noch böse sein, wenn eine Lieferung mal ein paar Tage verspätet ist?

Kannst du uns kurz erklären, um was es bei Storyfabrics geht?
Storyfabrics ist der festen Überzeugung, dass Design, hochwertige Qualität und ein nachhaltiger Lebensstil kein Widerspruch sind. Unter dieser Prämisse stellt Storyfabrics bezahlbare Heimtextilien – insbesondere Bettwäsche und Strickdecken – her, die unseren Nachhaltigkeitskriterien genügen. Wir arbeiten nur mit Partnern, die wir persönlich besucht haben, und mit denen wir auf Augenhöhe gemeinsam unsere zeitlosen Kollektionen entwickeln.


Wer hatte die Idee zu Storyfabrics. Und wie ist es dann zur Gründung gekommen?
In meinem früheren Berufsalltag als Marketingleiterin war ich immer mit Konsum konfrontiert. Mehr Konsum, mehr Umsatz, mehr Gewinn. Das war mir einfach nicht mehr genug. Schon lange trug ich den Wunsch mit mir herum, eine eigene Firma zu gründen und diese nach Nachhaltigkeitskriterien auszurichten. In der Mode finden sich immer mehr junge und innovative Marken, die einen nachhaltigen Weg gehen. Bei den Heimtextilien ist der Markt noch sehr klein. Das empfand ich als Marktlücke und Businessidee.

Hat etwas bestimmtes den Startschuss ausgelöst? Wann sprachen Taten und nicht nur Worte?
Irgendwann konnte ich einfach  nicht mehr weitermachen. Ich habe physisch gefühlt, dass es mir immer schlechter geht, und habe eine Auszeit genommen. Dank grosser Unterstützung in meinem privaten Umfeld habe ich den Mut aufgebracht, einfach zu starten. Es zu wagen. Wie gesagt: mit viel Naivität. Aber wahrscheinlich wäre ich sonst noch angestellt. Ein bisschen verrückt muss man natürlich schon sein.

Wie sah der erste Schritt zur Verwirklichung aus?
Als allererstes haben wir uns ungefähr 50 Unternehmen in Indien herausgesucht, die wir aufgrund ihrer Geschichte spannend fanden, und die auch über die notwendigen Bio- und Fairtrade-Zertifizierungen verfügten. Nach einer ersten Triage haben wir die potentiellen Unternehmen persönlich besucht und wollten vor Ort sehen, ob die Firmen- und Marketingversprechen den Tatsachen entsprechen. Dabei interessiert mich das Sales Office nicht. Ich sage immer, bei meinen Besuchen vor Ort sitze ich nicht im Büro sondern neben der Nähmaschine.


Wer gehört den heute nun zum Kernteam?
Storyfabrics ist sehr schlank aufgestellt. Alle möglichen Tätigkeiten sind ausgelagert. Zum Kernteam gehören Suchi, meine Produktions-Assistentin vor Ort, die mich in die Produktionsstätten begleitet und mit viel Detailliebe die Qualität der Kollektionen sicherstellt. Dazu das wundervolle Team vom Verein Drahtzug, der Arbeitsplätze für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung schafft und mit sehr viel Sorgfalt die Logistik hinter Storyfabrics organisiert. Die vielen wunderbaren Mitarbeiter von Rajlakshmi Cotton Mills - allen voran Puja, die Merchandise-Verantwortliche für meine Produkte in Kalkutta, Harita für unsere Strickdecken bei RCM in Noida und natürlich Girish von Mila Fairtrade Clothing in Tiruppur.

Lohnt es sich die Bettwäsche in die Hände zu nehmen bevor man sie kauft? Auf was sollte man sich achten?
Unbedingt. Immer, wenn ich die Möglichkeit habe, fordere ich Menschen dazu auf, den Stoff der Bettwäsche anzufassen. Auf jeder Messe und in jedem Pop-Up-Store habe ich immer Muster ausgestellt, die mehrfach gewaschen wurden und explizit angefasst werden sollen. Nur so kann der Kunde auch sicherstellen, dass er sich in unserer Bettwäsche wohl fühlt. Ich nenne es mittlerweile den Ah-Effekt. Kunden fragen mich oft, was denn neben der Geschichte an unserer Bettwäsche anders ist. Ich sagen dann, fassen Sie es an, dann werden Sie es fühlen. Vielen entwischt dann ein langes Ah… Der Ah-Effekt. Dann haben sie es verstanden.
Ansonsten ist die gesamte Bettwäsche von Storyfabrics aus biologischer und Fairtrade-zertifizierter Baumwolle hergestellt. Für uns ist es sehr wichtig, dass auch die Baumwollbauern von ihrer Arbeit leben können, und dass in den Nähbetrieben Standards wie Arbeitszeitenerfassung, keine Diskriminierung, Gewerkschaftsfreiheit und ein angemessener Lohn gewährleistet werden.

Was ist das perfekte Bett zu eurer Bettware? Wo würdet ihr es beziehen?
Für Wochenendbesucher liebe ich das Kartonbett «itbed» von it design. Das habe ich auch auf allen Messen mit dabei. Und es kann direkt über Storyfabrics bezogen werden. Es wird in der Schweiz hergestellt, ist leicht und im Handumdrehen platzsparend weggeräumt. Wie ein Akkordeon lässt es sich zusammenfalten. Mit einer Futon-Matratze kombiniert, wird es schnell zum Extrabett für Übernachtungsgäste. Mein absolutes Traumbett in Bezug auf Design ist das Darling Bett vom Schweizer Design Duo fries&zumbühl. Wunderschön! Ansonsten kuschelt es sich tiptop in eigentlich jedem Bett von Hüsler Nest oder dem Selago von Reseda. Beim Selago kann man auf dem breiten Rand wunderbar seinen morgendlichen Kaffee abstellen.

Wirken sich die Vorzüge bestimmter Materialien auf den Gestaltungsprozess aus? Wie sieht bei euch der Gestaltungsprozess aus?
Bei Storyfabrics steht die Nachhaltigkeit immer im Vordergrund. Alles andere muss sich unterordnen, auch der Designprozess. Dies zeigt sich besonders bei den Strickdecken. Die werden aus zertifizierten Restgarnen hergestellt. So schonen wir die natürlichen Ressourcen und helfen unseren Partnern, Überproduktionen gewinnbringend abzubauen. Aber es bedeutet auch, dass nicht alles möglich ist, und dass unsere Standardkollektionen Jahr für Jahr ein klein wenig variieren. Vor Ort suchen wir dann Garne, von denen wir eine genügend grosse Menge finden, und deren Farben zu unserer aktuellen Kollektion passen. Meist sind wir farblich sehr zurückhaltend ausgerichtet. Nur bei einer Decke wollte ich gerne die Seele Indiens zeigen. Seine enorme Farbvielfalt und Lebensfreude. Aus sieben unterschiedlich farbigen Garnen haben wir eine Decke kreiert: so bunt wie das Holi-Festival. Spannenderweise haben wir gerade die dritte Auflage in der Produktion, da unsere Kunden in der Schweiz gerade diese verrückte Farbigkeit lieben. Jede Neuauflage ist ein wenig anders, je nachdem, was an Garnen gerade vorrätig ist. Wir testen dann relativ lange aus, wie wir die Farben mischen können, damit eine wilde, aber doch harmonische Decke entsteht.
Bei der Bettwäsche setzen wir auf Langlebigkeit. Die Qualität der Biobaumwolle, die zu einem wunderbar weichen Satin verwoben wird, spricht für sich. Da die Bettwäsche lange gefallen soll, arbeiten wir sehr lange an den Farben, dem Hauptdesignelement der Bettwäsche. Oft dauert es über ein Jahr, bis wir eine Farbe umsetzen. Denn sie muss sich immer in die bestehende Farbfamilie einfügen, damit alle Produkte miteinander kombiniert werden können. Bei den Verschlüssen setzen wir auf Kokosnussknöpfe. Wir wissen schon, dass viele Kunden nach Reissverschlüssen fragen. Aber fehlt einmal ein Knopf, näht man diesen auch wieder an. Ist dagegen der Reissverschluss kaputt, wird die Bettwäsche weggeworfen. Das passiert zu häufig, und das möchten wir nicht unterstützen.


Welcher Tee sollte zu euren Strickdecken getrunken werden? 
Ich bin ein totaler Kaffeefan und trinke eigentlich bis tief in die Nacht hinein meinen Kaffa Wildkaffee von Original Foods, die ja auch auf der Criterion ausstellen. Zufällig entdeckt im kleinen Bioladen in meiner Nachbarschaft. Ich war so begeistert von seinem Geschmack, das uns Kaffa seither auf jede Messe und jeden Pop-Up begleitet. Ansonsten finde ich, dass das allerwichtigste ist, dass man sich mit unseren Strickdecke wohl fühlt. Leicht um die Schultern geschwungen zum abendlichen Apero mit Weisswein auf der Terrasse, oder mit Buch auf der Couch und einem Kräutertee: wunderbar. Auf dem Boden liegend in die Strickdecke gekuschelt und einen First Flush geniessend: tiptop.

Wie sieht euer Arbeitsplatz aus? 
Zur Zeit befindet sich mein Arbeitsplatz hoch über Zürich in einem gemeinsamen Büro zur Zwischennutzung mit meinem Mitgründer vom Pop-Up-Store-Konzept Swiss Design Market, Stefan Egli. Die Aussicht ist phänomenal. Ansonsten bin ich viel unterwegs, arbeite im Homeoffice, von unseren Pop-Up-Stores, wenn wir gerade mal wieder einen betreiben, im Zug und in den Produktionen in Indien. Dort gibt es dann wahnsinnig süssen Chai.

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