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LIVE & WEAR

06.11.2018

«ZU MEINEM SOCKENSTRICKER HABE ICH DREI STUNDEN UND ZU MEINEM GARNFÄRBER KNAPP EINE STUNDE»

Socken und Schleifen machen den Unterschied

Aus dem Projekt für seine Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste heraus entstand Thomas Gfellers Label Thomas Jakobson: Socken  aus der letzten Sockenstrickerei der Schweiz und Schleifen zum Selberbinden. Beide haben mehr miteinander zu tun, als es scheint – denn beide sind für neuralgische Punkte des Körpers gedacht, die in Bezug auf Mode oft eher vernachlässigt werden. Im Vordergrund steht aber nicht nur der modische Effekt, sondern ein von Anfang bis Ende gedachter Nachhaltigkeitsgedanke mit manufakturmässiger Herstellung in der Schweiz und in Deutschland.

Thomas Jakobson: bei so einem Namen muss man ja fast ein Modelabel aufziehen, oder?
Es wäre einfach, wenn ich jetzt einfach ein Ja platzieren würde. Der Name Thomas Jakobson ist nämlich ein Künstlername und steht für ein nachhaltiges, weltoffenes Label aus der Schweiz, das sich gerne in die weite Welt hinaus begibt. Der Name „Thomas Gfeller“ hat sich als Labelname nicht wirklich geeignet, da es einigen Menschen schwer fällt, diesen auszusprechen. Und da mein zweiter Vorname Jakob ist, habe ich mich entschieden, diesen für das Label einzusetzen. So ist ein international klingender Name entstanden, der als Grundlage für viele bestehende und kommende Projekte dient.

Woher kommst du? Wer bist du? Kannst du dich uns kurz vorstellen?
Ich führe das Label seit 4 Jahren alleine und hole mir für verschiedene Arbeiten immer wieder Experten und Freunde ins Boot. Ich komme aus Bern und lebe und arbeite in der unteren Altstadt, am Puls des Alltags und der Hauptstadt. Mein Name ist Thomas Gfeller, ich bin Designer, Konzepter und Unternehmer. Ich würde mich als Ästhet bezeichnen, liebe das Schöne, das Gute und die Freiheit. Ich bin durch und durch Berner und verbinde diese Heimatliebe mit meiner weltoffenen Art, um die Strassen und die Menschen darauf glücklicher, farbiger und sorgenloser zu machen.


Und du hast dich für Fliegen entschieden... Und Socken. Du legst Wert aufs Detail?
Genau das Detail macht den Gesamteindruck aus. Ich selber bin seit vielen Jahren vernarrt in farbige Socken, die zu meinem Outfit passen. Dementsprechend geht es mir eben nicht nur um farbige Socken. Da steckt immer ein Konzept dahinter. Ich kombiniere die Socken gerne zum T-Shirt, zum Pullover, zum Cap und natürlich auch zu den Schuhen. Wenn etwas farblich nicht übereinstimmt, fühle ich mich den ganzen Tag unwohl. Die Fliege als ergänzendes Accessoire habe ich ausgewählt, weil sie, wie die Socke, eine Schnittstelle des Körpers kleidet. Die Knöchel und der Hals sind völlig unterbewertet. So gebe ich diesen neuralgischen Stellen am Körper einen Platz und den Raum, mit Farbe herauszustechen.

Wie viele verschiedene Arten gibt es, eine Fliege zu binden?
Es gibt nicht wirklich verschiedene Arten, eine Fliege zu binden. Entweder man trägt sie gebunden und bindet sie dementsprechend nach Anleitung. Der Knoten ist derselbe wie beim Schuhe binden und eigentlich ganz einfach. Vor dem Spiegel und um den Hals stellt sich dann jeweils heraus, wer sich diesen Knoten wirklich bildlich vorstellen kann. Neben der gebundenen Fliege ziehe ich es oft auch vor, meine Fliegen offen zu tragen. Dann kreuze ich die beiden Enden der ungebundenen Fliege einmal und lasse sie auf der Brust hängen. Diese Art ist lockerer und eröffnet das Accessoire vor allem auch den weiblichen Stylerinnen unter uns.

Und wieso neben Fliegen auch Socken? 
Eigentlich müsste es heissen „neben Socken auch Fliegen“. Die Socken sind ganz klar das Hauptprodukt von Thomas Jakobson. Da ich schon immer meine eigenen Socken herstellen lassen wollte, habe ich bei der Bachelorarbeit  an der ZHdK die Möglichkeit ergriffen und dies als mein persönliches Projekt gestartet.
Socken können so viel über einen Menschen aussagen, sie können Outfits aufwerten, runter brechen und den Trägern und Trägerinnen eine Persönlichkeit geben. Abgesehen davon, dass die Socken farbig sind, lege ich auch Wert auf Qualität. Die verwendete Bio-Baumwolle ist weich und kleidet den Fuss sehr angenehm. Zudem ist die Naht über den Zehen handgekettelt; das bedeutet, dass man sie nicht spürt und so den ganzen Tag ein angenehmes Fuss- und Zehengefühl hat.


Du beanspruchst die letzte Sockenfabrik der Schweiz, richtig? Wie bist du dazu gekommen?
Genau, die Socken von Thomas Jakobson werden in der letzten Schweizer Sockenfabrik in der Ostschweiz hergestellt. Diese wird von einem Herrn betrieben, der das Sockenstricken mit viel Herzblut und Einsatz macht. Während der Recherche für meine Bachelorarbeit an der ZHdK bin ich auf den Produzenten im Osten gestossen. Ich durfte bei ihm vorbeikommen, und er hat mir alle Maschinen und die Art und Weise erklärt, wie eine Socke aufgebaut ist und wie diese hergestellt wird. Ich bin so nah an meinen Socken, dass ich vom Bund bis zur Spitze, vom Garn bis zur Endverarbeitung jeden einzelnen Schritt kenne und darüber berichten kann.

Wieso ist es dir wichtig lokal zu produzieren?
Mir ist es wichtig lokal und nachhaltig zu produzieren, weil ich ein Gegenpol zu der weit verbreiteten Fast-Fashion setzen will. Mir geht es darum, den Kunden aufzuzeigen, dass es sich lohnt, das Handwerk (hier das Sockenstricken mit Maschine) in der Schweiz zu halten. Ich biete mit meinen Produkten eine Alternative zu der kurzlebigen Mode, die unsere Welt und unseren Markt flutet.
Zudem mag ich es, wenn ich jederzeit bei meinen Produzenten vorbei gehen kann! Zu meinem Sockenstricker habe ich drei Stunden und zu meinem Garnfärber knapp eine Stunde. Ich bin immer in Kontakt mit ihnen und kann so auch höchste Qualität für meine Produkte garantieren.

War der Aufbau schwierig? Musstest du dich durchbeissen?
Das Wort „war“ ist hier wahrscheinlich nicht ideal gesetzt. Ich würde sagen, dass der Aufbau auf keinen Fall abgeschlossen ist. Ein eigenes Label auf die Beine zu stellen, heisst für mich das ganze über mehrere Jahre weiter zu ziehen, das Label in der Schweiz zu etablieren, verlässliche Beziehungen zu Läden, zur Presse und direkt zu den Kunden aufzubauen. Es ist seit dem ersten Tag ein Durchbeissen. Ich glaube aber daran, mit einem langen Atem irgendwann den Unterschied zu machen und eines Tages zumindest teilweise von Thomas Jakobson leben zu können.

Was hat euch dazu gebracht überhaupt euer eigenes Ding zu machen?
Ich fühle mich wohl, wenn ich schöne Dinge um mich habe. Und ich habe mir irgendwann gesagt, dass es doch das Beste wäre, wenn ich schöne Socken und Fliegen machen kann, die mir gefallen. Und noch schöner wäre es, wenn diese für mich schönen Produkte auch bei anderen Menschen gut ankommen und ihnen ihren Tag versüssen. Und genau dies ist mir im ersten Ansatz einigermassen gelungen. Mich macht es glücklich, wenn ich Freunde, Familie oder auch fremde Menschen mit meinen Socken sehe und sie dabei ein gutes Gefühl habe. Gerne mache ich die Welt mit meinen Designs ein bisschen farbiger und glücklicher! Daher auch mein Slogan: sourire – chanter – vivre.


Woher nimmst du deine Inspiration? Zeig doch mal den besten Thomas Jakobson Arbeitsplatz und beschreibt bitte, wie ihr euren Designs nachgeht.
Meine Inspiration nehme ich aus dem Alltag, aus den Begegnungen mit Menschen und oft von meinen Reisen in Städte in Europa oder vor allem in die Natur. Wenn es um herbstlich-winterliche Designs geht, lasse ich mich sehr gerne von der Natur, vom Wald und vom Grün der Welt inspirieren. Wenn es um frühlingshafte oder sommerliche Designs geht, inspiriere ich mich von grafischen Elementen, von der Stadt und oft auch von Modekollektionen von grossen Designern. Ich reise sehr oft nach Frankreich und lasse ich daher gerne von jeglichen französischen Einflüssen aus diesem unglaublich schönen Land inspirieren. Auf meinem Sofa in meiner Wohnstube in der Berner Altstadt höre ich sehr oft Musik aus aller Welt und lasse mich so inspirieren...

Hast du Pläne, dein Angebot zu erweitern? Welche Produkte könntest du noch herstellen?
Ich werde in Zukunft sicher weitere Produkte unter dem Label Thomas Jakobson veröffentlichen. Allerdings ist für mich klar, dass jedes Produkt unter dem nachhaltigen Aspekt produziert wird. Ich kann mir ganz gut vorstellen andere Kleidungsstücke in den Designs meiner Socken und Fliegen zu machen, sei dies nun ein T-Shirt, ein Hemd oder Caps für den Sommer. Vielleicht gibt es auch einmal eine Serie aus Einzelstücken. Alles ist offen, sofern es mir Freude bereitet!


Der beste Fliegenträger aller Zeiten?
Huch, schwierige Frage. Ich habe eigentlich kein Fliegenträger-Vorbild. Und wenn ich eines nennen würde, wäre ich mir fast sicher, dass die Person die Fliege nicht selber gebunden hätte. Der sympathischste und inspirierendste Fliegenträger ist für mich Paul van Haver, besser bekannt unter dem Namen Stromae. Der belgische Künstler, Musiker und Designer vereint für mich sehr viel Gutes und Positives unter einem Hut! Als Nicht-Fliegenträger erwähne ich immer wieder James Bond, da dieser nach getaner Arbeit seine Fliege öffnet und so einen besonderen Fliegen-Stil zeigt. Genau diesen schlage ich meinen Kunden immer wieder vor...

Und wieso sollten auch viel mehr Frauen eine Fliege tragen?
Naja, ein Kleidungsstück sollte aus meiner Sicht nicht nur einem Geschlecht vorbehalten sein. Ich designe und präsentiere meine Kollektionen bewusst unisex. Jeder Mann und jede Frau kann meine Socken und Fliegen tragen. Die Frauen sollen nur ein bisschen Mut beweisen und zu einer hübschen Bluse auch mal eine Fliege tragen. Ob diese dann gebunden oder Ketten-artig um den Hals getragen wird, ist aus meiner Sicht eigentlich egal!

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