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DRIVE & DISCOVER

31.03.2018

Text: Jocelyne Iten
Bilder: Re Meili

«UM IN DER PRAXIS ZU BAUEN, WAS IM COMPUTER ENTWORFEN WIRD, MÜSSEN VIELE ASPEKTE BERÜCKSICHTIGT WERDEN.»

Zwei Zürcher erleichtern Velofahrern den Alltag

Mit «polyroly» stellen die Freunde Re Meili und Lorenz Grimmer in Winterthur leichte, robuste Velo-Anhänger für den professionellen Transport von Dingen im Alltag her. Und machen sich dazu viele neuartige, technische Details zunutze.
Zürich wird immer mehr zur Velo-Stadt. Kaum erstaunlich, denn die Preise für den öV steigen, und Autofahrer müssen sich mit immer mehr Einbahnstrassen arrangieren. Aber klar, Velofahren ist natürlich auch extrem hip. Zum Velofahren animieren wollen auch Re Meili und Lorenz Grimmer mit ihrem Unternehmen polyroly. Im neu sanierten Areal bei der Winterthurer Lagerplatzstrasse, gleich neben den Zug-Gleisen, stellen die beiden in der Schlosserei von Lorenz Grimmer Velo-Anhänger für den einfachen Transport von Dingen im Alltag her.

Ein leichter, robuster Velo-Anhänger

Die Idee dazu kam dem Industriedesigner Re Meili in seiner Studienzeit in London. « «Ich war in London viel mit dem Velo unterwegs und wollte Material transportieren. Geeignete Anhänger gab es im London der frühen 1990er Jahre aber nicht zu kaufen, also baute ich mir kurzerhand selber einen. Mit Hammer und Bohrmaschine. Obwohl aus Kupferrohr, war dieser erste Space Frame Bike Trailer überraschend stark», sagt der 52-Jährige. Die Idee, einen leichten, robusten Anhänger zu kreieren, liess ihn von da an nicht mehr los. So klopfte Meili einige Jahre später im Winter 2011 bei seinem ehemaligen Studienkollegen Lorenz Grimmer an, der seit 2008 eine eigene Schlosserei in Winterthur führt. Auch Grimmer war angetan von der Idee, merkte aber schnell, dass zur Realisierung dieses Pilotprojekts ganz neue Techniken notwendig sein würden.



Präzise Millimeter-Arbeit und Handwerk

Bis Meili und Grimmer das erste Modell im Sommer 2014 lancierten, verfolgten sie während mehrerer Jahre das Trial-and-Error-Prinzip. «Um in der Praxis zu bauen, was im Computer entworfen wird, müssen viele Aspekte berücksichtigt werden», sagt Grimmer. Man müsse immer etwa die Beschaffenheit des Materials mit einberechnen. «Ein Rohr wird kürzer, wenn ich es an den Enden presse, also muss man im 3D-CAD entsprechende Zugaben machen». Die technischen Daten, die Re Meili erstellte, musste Lorenz Grimmer extrahieren, anhand deren einen Prototyp bauen, die Daten anpassen und wieder von Neuem beginnen. «Viele technische Details am polyroly sind Neuentwicklungen und mussten in vielen Test und Prototypen überprüft und optimiert werden», sagt der Metallbauer und Konstrukteur.

Der Velo-Anhänger besteht aus dünnwandigen, hoch legierten und aufeinandergelegten Chromstahlrohren, die, wie bei einem Velorahmen, Dreiecke bilden und an den Ecken zusammenkommen. Quasi ein rollendes Vieleck – daher auch der Name polyroly. Um die Stahlrohre im gewünschten Winkel exakt zu biegen, müssen diese etwa mit einer eigens dafür hergerichteten Maschine flachgepresst werden. «polyrolys zu bauen, ist Präzisionsarbeit. Damit dies in einer manuellen Produktion auch wirtschaftlich ist, müssen wir für jeden Arbeitsprozess spezielle Vorrichtungen entwickeln», sagt der 45-Jährige.


Trägt ein Gewicht von bis zu 350 Kilo

Das Ergebnis: ein filigranes, wenn auch extrem robustes Konstrukt in unterschiedlichen Grössen, das nicht nur extrem leicht ist – ein polyroly wiegt knapp 5 Kilo –, sondern mit bis zu 350 Kilo belastet werden kann. In das fahrende Vieleck, das ab 780 Franken kostet, passen etwa handelsübliche Euronorm-Boxen. Man kann damit aber auch den Fifi ausfahren oder Einkäufe transportieren.


Eine ganz neuartige Verbindungstechnik

Was polyroly von anderen Herstellern unterscheidet, ist die neuartige Verbindungstechnik. «Wir schweissen die Stahlrohre nicht zusammen, wie andere es tun, denn dünnwandiges Rohr zu schweissen, führt sofort zu einer Schwächung des Materials und zu möglichen Schäden unter hoher Belastung», sagt Grimmer. polyroly hat darum, um die Deichseln mit dem Spaceframe zu verbinden, eine spezielle Federstahldrahttechnik entwickelt, «Solche Verbindungen bleiben auch unter Abnutzung immer spielfrei. So rattert auch nach Jahren nie etwas, wenn man mit einem polyroly über die Randstein rast», meint Meili. Bei einer Gitter-Konstruktion, wie sie ein polyroly darstellt, werden die Kräfte in die Knotenpunkte geleitet. «Statisch können unsere Anhänger mit Hunderten von Kilos belastet werden. Wir haben Test gemacht und bei 350 Kilo aus praktischen Gründen aufgehört. Wahrscheinlich kollabieren irgendwann als Erstes die Räder», sagt der Industriedesigner.

Die Entwicklung der Modelle, das Engineering sowie die Maschinen sind Swissness pur. Den Stahl beziehen sie aus dem nahen Ausland, da die Industrie hierzulande praktisch brachliegt. Die Räder werden in einem Kleinbetrieb in Taiwan gefertigt. «Unsere Philosophie ist es, mit besten Materialien, robuster Technologie und intelligenten Prozessen hervorragende Produkte zu bauen, die Jahrzehnte halten und einfach zu reparieren sind», merkt Grimmer an.


Mit ihrem Produkt richten sich die beiden Tüftler an jene aufs Auto Verzichtende, die trotzdem viel transportieren wollen. Zurzeit produzieren sie gerade eine Spezialanfertigung für die mobilen Auslieferer der Bäckerei John Baker. «Egal ob Auto oder Velo mit polyroly: Die Menschen wollen Lösungen, die nicht nur technisch überzeugen, sondern auch schön sind», sagt Meili. Niemand würde sich einen hässlichen Klotz ans Rad klemmen wollen.

Zugang zur smarten, urbanen Mobilität

Mittlerweile ist polyroly von der ursprünglichen Kisten-Systematik abgekommen und entwickelt wasserdichte Taschen aus Blachen. Diese haben einen enormen Gewichtsvorteil gegenüber Kisten und machen auch keine solch ratternden Geräusche. Gar eine Zusammenarbeit mit Mietvelo-Stationen ist in Vorbereitung. Aber auch Genossenschaften sind gefordert: «Natürlich wäre es toll, wenn bald überall polyroly in verschiedenen Grössen in den Gängen von Mehrfamilienhäusern hängen würden. Der Zugang zur neuen, smarten urbanen Mobilität soll für alle so einfach wie möglich sein», sagt Re Meili.

Dieser Artikel erschien am 29.3.2018 auf NZZ Bellevue. Text: Jocelyne Iten
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